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Die Indienne in Europa: Wie indische Baumwollstoffe die Mode verführten und die Genueser Mezzari hervorbrachten

Der Exotische Auftakt und die Revolution des Geschmacks


Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert löste die bemalte oder bedruckte indische Baumwolle, in Europa als Indienne bekannt, eine tiefgreifende Veränderung des Geschmacks und der Mode aus. Stoffe wie Chintz (vom indischen Begriff chint, was „bunt“ oder „gefleckt“ bedeutet) und Calicoes (von Calicut, einer Stadt, die zum Synonym für bedruckte Stoffe wurde) galten zunächst als zu „gewöhnlich“ und wurden nur für Bettdecken oder zur Kleidung der weniger wohlhabenden Schichten verwendet. Doch schon bald wurden sie zur bevorzugten Kleidung der Damen des Adels. Daniel Defoe schrieb 1708 über dieses Phänomen und betonte, wie die Chintzstoffe „von den Böden auf die Schultern der Menschen, von Fußlappen zu Unterröcken“ gewandert seien.


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Die ersten Exemplare gelangten an Bord der Schiffe nach Europa, die hauptsächlich Gewürze transportierten. Ihre größte Attraktion war die Brillanz und Haltbarkeit der Farben, eine Qualität, die mit den damaligen europäischen Färbetechniken nicht erreicht werden konnte. Der Handel basierte auf dem Tauschhandel: Die Stammesführer auf den malaiischen Inseln akzeptierten kein Geld, sondern Stoffstücke. Die Europäer kauften daher handgewebte Stoffe an den indischen Küsten, um sie gegen Gewürze einzutauschen. Wichtige Handelsstationen der Holländer und Engländer für die bedruckte Baumwolle entstanden in Zentren wie Masulipatam, Madras und Pondicherry. Versuche der Engländer, europäische Seiden- oder Wollstoffe als Tauschware nach Indien zu schicken, scheiterten, da die schweren europäischen Stoffe im heißen und feuchten indischen Klima kaum gefragt waren.



Der Palampore: Ein Meisterwerk Kultureller Fusion


Das Produkt, das zum Symbol dieser exotischen Mode wurde, war der Palampore, ein großflächiges Baumwolltuch (palangpush in Hindi/Persisch, was „Bettdecke“ bedeutet), das ausschließlich für den Export bestimmt war.


Das vorherrschende dekorative Motiv war der Lebensbaum (oder blühender Baum). Es handelte sich um einen einzelnen knorrigen und geschwungenen Stamm, der aus einer felsigen Anhöhe emporragte und dessen Äste mit einer Fülle von Blumen wie Rosen, Nelken und Chrysanthemen bedeckt waren.


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Die Komposition des Palampore war das Ergebnis einer komplexen künstlerischen Verschmelzung:


  • Orientalischer Einfluss: Der Beitrag des persischen Einflusses ist unbestreitbar, ebenso wie die Verwendung des Baumes als dekoratives Motiv Teil der orientalischen Tradition ist.


  • Westlicher Einfluss: Studien haben das Gewicht der europäischen Tradition offenbart. Muster wurden bereits ab 1669 von London nach Indien zum Kopieren geschickt. Die üppige Blütenpracht vereinte indische Elemente mit westlichen Arten. Der Stil erinnerte an das Grün der flämischen Verdures- und Millefleurs-Tapisserien.


Diese Fusion schuf ein Produkt, das so hybrid war, dass es sowohl in europäischen als auch in indischen Augen als „exotisch“ galt.



Die Details der Indischen Welt und die Anpassung des Geschmacks


Trotz der europäischen Präferenz für importierte Muster zeigten die indischen Handwerker eine bemerkenswerte kreative Fähigkeit. Die Bordüren einiger Palampores stellten mit frischer Erzählkraft verschiedene Palmenarten (Borassus-, Bananen-, Kokos-, Betel- und Dattelpalme) sowie die lokale Fauna, wie Mungos und Kobras, dar.


Der Markt setzte jedoch seine Maßstäbe durch. Es gab einige abweichende Stimmen, wie in einem Bestellschreiben, das besagte: „Lasst die Inder nach ihrem eigenen Geschmack arbeiten, da die Ergebnisse besser sind als jedes Muster, das wir aus Europa schicken können“. Dennoch veränderten sich die Bordüren der Palampores im 18. Jahrhundert allmählich und ersetzten die wellenförmigen Ranken durch eine mit Liebesschleifen durchzogene Blumengirlande, die stark von der französischen Mode inspiriert war.


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Es ist bemerkenswert, wie die indische Kunst in Europa oft negiert wurde: Sir Thomas Roe, englischer Botschafter in Indien im Jahr 1615, beklagte, dass die „indischen Raritäten“ eigentlich aus China stammten und identifizierte die orientalische Kunst ausschließlich mit der chinesischen. Diese Verwirrung führte zur Entstehung der Chinoiserie, der westlichen Praxis, Produkte in Nachahmung orientalischer Stile zu schaffen.



Das Exotische Erbe in Italien: Die Geburt der Genueser Mezzari


Gerade in dieser Phase der Kontamination setzt das italienische Kapitel mit der Kreation der Mezzari in Genua ein. Diese großen Tücher blieben dem wohlhabenden Adel vorbehalten.

Die Inspiration war unbestreitbar der indische Palampore, wobei die genuesischen Handwerker des 18. Jahrhunderts das Motiv des Lebensbaums als wichtigste


Inspirationsquelle wählten. Ein kürzlich gefundenes Mezzaro aus der Genueser Werkstatt von Speich weist eine Blumengirlanden-Bordüre auf, die den späten Palampores völlig analog ist.




Der einzige Beleg für noch in situ erhaltene Palampores in Italien befindet sich in der Villa di Poggio Imperiale in Florenz. Diese Exemplare, zwischen 1769 und 1771 auf Befehl von Pietro Leopoldo von Habsburg-Lothringen in Brüssel erworben, wurden für die Wände der Villa angepasst und dabei ihrer ursprünglichen Bordüren beraubt.


Der Aufstieg der Palampores und die daraus folgende Entstehung der Genueser Mezzari demonstrieren eine faszinierende Geschichte des Handels, der Kunst und der kulturellen Anpassung in der Neuzeit.


 
 
 

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